"Sich künstlerisch auszudrücken – das bedeutet mir viel. Ich habe schon als Bildhauerin immer wieder auch mit Menschen gearbeitet. Und im Laufe der Jahre habe ich gemerkt, dass der künstlerische Ausdruck einen tieferen Zugang zu Menschen vermittelt, denn Kunst legt so viele Ressourcen frei". Welche das sind, erzählt die Kunsttherapeutin Silke Speckenmeyer aus Köln:

Den künstlerischen Ausdruck von Menschen, die in der Krise sind, begleiten zu können – darum geht es mir. Deshalb habe ich das Studium zur Anthroposophischen Kunsttherapie gemacht. Es geht ja immer um das Zusammenspiel von Körper, Seele und Geist – das hat Rudolf Steiner für die Medizin wunderbar herausgearbeitet und daraus die Grundlagen für die Anthroposophische Kunsttherapie entwickelt. Die Auseinandersetzung mit Farben, Rhythmen, Materialien kann helfen, Körper, Geist und Seele wieder stärker in die Balance zu bringen.

Nach innen schauen

Wenn jemand krank ist oder Probleme hat, ist es meine Aufgabe als anthroposophische Kunsttherapeutin, Menschen dabei zu unterstützen, durch die künstlerische Arbeit wieder Zugang zu ihren inneren Ressourcen zu finden. Die Kunst hilft, physische und seelische Innenräume zu erschließen, die vorher wie verschüttet waren. Zum Beispiel ist es ein Urbedürfnis des Menschen, Spuren zu hinterlassen. Die Kunsttherapie ist ein wunderbares Werkzeug, dem nachzuspüren. Und wenn sich Menschen durch den künstlerischen Prozess an ihre eigenen Kraftquellen erinnern, werden sie auch mit ihrer Krankheit nochmal ganz anders umgehen.

Im Spiel Mensch sein

Es tut Menschen so gut, zu „spielen“. Und zwar in jedem Alter. So wie Schiller es meinte, als er sagte: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Nicht durch Worte, sondern durch die Tat. Gerade Menschen, die krank oder in einer Krise sind, leben auf, wenn sie etwas tun können und nicht endlos ihr Innenleben mit Worten erklären müssen. Anderen müssen wir erstmal Mut zusprechen, weil viele ja doch den Eindruck haben, sie müssten Kunst „können“. Darum geht es aber nicht. Es gehört ja zu den ersten Tätigkeiten eines Kindes: mit den Händen nach Erde greifen, im Sand buddeln, Burgen bauen... Das ist quasi die erste bildhauerische Tätigkeit!

Ich erlebe in meiner Arbeit, dass das Verständnis für diese heilsamen Kräfte wächst. Übrigens finden auch viele ÄrztInnen die Kunsttherapie spannend und schicken PatientInnen zu mir, die mit Anthroposophischer Medizin sonst gar nichts am Hut haben. Die merken einfach, dass es ihren PatientInnen dadurch besser geht – dieses Feedback freut mich natürlich sehr. Denn es entspricht dem, was ich Tag für Tag in meiner Arbeit wahrnehme.

Silke Speckenmeyer, Bildhauerin & Kunsttherapeutin, Köln: https://www.silkespeckenmeyer.de/